Mit Substanz Herausforderungen durch Niedrigzinsen begegnen

Die aktuellen Kapitalmarktentwicklungen stellen Investoren zunehmend vor große Herausforderungen. Alternative Anlageformen, die auf profunden Kenntnissen der Märkte und des regulatorischen Umfelds basieren, können hier Lösungen bieten.

Klassische Anlageklassen im Abwärtstrend

Die Zinsen befinden sich in den USA, Japan und Europa seit Jahren mehr oder weniger kontinuierlich im Rückwärtsgang. Obwohl in den USA eine Trendwende bevorsteht, liegen die Zinsen in den entwickelten Volkswirtschaften auf historischen Tiefstständen. Dieses Niedrigzinsumfeld stellt insbesondere institutionelle Investoren wie Versicherungen und Pensionseinrichtungen vor die Herausforderung, über traditionelle Anlageklassen Renditen zu erwirtschaften, die die Zinsgarantien gegenüber Versicherten und Pensionären decken.

Staatsanleihen und Pfandbriefe erzielen u. a. aufgrund der Aufkaufprogramme der Zentralbanken mittlerweile nicht nur negative Renditen in vielen Laufzeiten, sondern haben auch einen Teil ihres Diversifikationseffekts verloren. Diese Zinsanlagen spielen vor allem bei deutschen institutionellen Investoren traditionell die überragende Rolle in der Asset-Allokation. Die seit Jahren fallenden Zinsen haben zwar hohe Bewertungsreserven in den Bilanzen der Investoren erzeugt, jedoch führt das Auslaufen der noch ordentlich verzinslichen Papiere nach und nach zu einem immensen Reinvestitionsbedarf – und dies in einem vermeintlich langanhaltenden Umfeld niedriger Zinsen.

Auch Immobilien und Aktien haben an Attraktivität verloren

Neben dem klassischen Rentenportfolio haben insitutionelle Investoren als Beimischung in ihrer strategischen Asset-Allokation seit Jahrzehnten in Immobilien investiert (ca. 3,7 % der gesamten Kapitalanlagen, Quelle: GDV). Auch hier sind die Renditen aufgrund der erheblichen Nachfrage aus dem In- und Ausland auf historische Niedrigstände gefallen. Aktien finden seit Ende der 90er Jahre zunehmend Beachtung bei institutionellen Investoren. Allerdings haben das Platzen der Dotcom-Blase (2000 – 2002) und die Finanzkrise ab 2008 tiefe Spuren bei einigen Investoren hinterlassen und die Aufmerksamkeit der Regulatoren auf sich gezogen. Institutionelle Investoren mit knappen Risikobudgets – sei es aufgrund von regulatorischen (insbesondere Solvency II) oder internen Beschränkungen – müssen daher wegen steigender Volatilität zunehmend ihr Exposure in Aktien verringern. Für viele Investoren stellt sich somit die Frage: Wohin mit den Anlagegeldern?

Alternative Investitionsformen gewinnen an Attraktivität

Eine der Tendenzen geht hin zu Anlageklassen, die einer geringeren beobachtbaren Volatilität unterliegen und mit denen andere als die klassischen Aktien- und Zinsrisikoprämien vereinnahmt werden können – sogenannte alternative Risikoprämien. In Gesprächen mit unseren Investoren verspüren wir vermehrt das Interesse, in die Makrotrends des 21. Jahrhunderts zu investieren. Hierunter fallen Sachwertanlagen im Bereich der breiten Infrastruktur. In Deutschland liegt der Fokus primär auf „Erneuerbaren Energien“ (insb. Wind und Solar). Aber auch Transport und soziale Infrastruktur gewinnen zunehmend an Bedeutung. Zudem besteht aus Sicht der Investoren generell das Interesse, sich verstärkt über „Private Markets“ zu engagieren – sowohl auf der Eigenkapital- als auch auf der Fremdkapital-Seite.

Investoren schließen zunehmende Finanzierungslücken

Aufgrund strengerer Regulierung müssen Banken ihre Kreditvergabe in Teilen deutlich reduzieren. Hierdurch entstehen Finanzierungslücken in der Realwirtschaft, bei denen langfristig orientierte Investoren als Kreditgeber einspringen können. Als Folge erweitern sich die Finanzierungsmöglichkeiten von Investoren, die neben klassischen Investitionsformen (Aktien und Bonds) nun auch verstärkt über unverbriefte Darlehen in Unternehmen, Infrastrukturprojekte oder Flugzeuge investieren können.

Diese Anlageklassen werden zudem auf europäischer Ebene durch die Schaffung der Kapitalmarktunion und die Zulassung von sog. „Loan Originating Funds“ gestärkt. All diese Anlageformen ermöglichen die Vereinnahmung von Illiquiditätsprämien bei zugleich geringerer Volatilität im Vergleich zu börsennotierten Anlageformen. Neben rein ökonomischen Erwägungen im Sinne der Risiko-Rendite-Eigenschaften spielt bei diesen Assetklassen die Wahl des Investmentvehikels eine entscheidende Bedeutung. Nur so kann ein optimaler aufsichts- und steuerrechtlicher Zugang zu diesen Anlageformen ermöglicht werden.

Liquide Anlagen im Fokus des Investoreninteresses

Des Weiteren rücken verstärkt liquide alternative Anlagen – sog. Liquid Alternatives – in den Fokus der Anlegerschaft. Strategien, die vormals nur über klassische Hedgefonds zugänglich waren, können mittlerweile im liquiden UCITS-Format umgesetzt werden. So können auch hochregulierte Investoren alternative Risikoprämien wie Value, Carry oder Momentum vereinnahmen. Das Produktspektrum in diesem Bereich reicht von Long-Only-Ansätzen im Rahmen einer indexoptimierenden „Smart-Beta-Strategie“ bis hin zu Strategien, die mittels Long- und Short-Positionen sowie dem Einsatz von Leverage ein Exposure zu alternativen Risikoprämien aufbauen.

Viele Investoren stehen aufgrund des Niedrigzinsumfelds, schwachen Wirtschaftswachstums und hoher Volatilität an den Kapitalmärkten großen Herausforderungen gegenüber. Neben der Einführung von risikobasierten Anlagevorschriften wie Solvency II oder verschiedenen Richtlinien für Pensionseinrichtungen (z. B. Risikoleitfaden) in den letzten Jahren haben Investoren im Dialog mit ihren Regulatoren auch Erleichterungen bei einer Reihe von ehemals alternativen Assetklassen erwirkt. Viele dieser Assetklassen sind heute gar nicht mehr so alternativ, sondern greifen andere Risikoprämien ab, die es zu erschließen gilt.

Aus unserer Sicht ist in diesem Rahmen nicht nur ein tiefes Verständnis der jeweiligen Assetklasse essenziell, sondern ebenfalls eine Auseinandersetzung mit den regulatorischen, steuerlichen und bilanziellen Herausforderungen, mit denen unsere Investoren konfrontiert sind.

 

Autor:
Sebastian Jeuk
Client Solutions
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